Die 1898 eröffnete Kirnitzschtalbahn ist schon etwas ganz besonderes und eine Fahrt mit ihr wahrlich abenteuerlich. Und das nicht nur für die Bahnfahrer, sondern auch für Autofahrer, die das gleiche Ziel haben. Auch wartet die Kirnitzschtalbahn mit weiteren Besonderheiten auf.

Der Bau der Kirnitzschtalbahn

Kirnitzschtalbahn
Kirnitzschtalbahn

Doch der Reihe nach. Ersteinmal muss die Bahn ja gebaut werden. Oder viel besser gesagt die Schienen. Was für eine Bahn hier später mal fahren wird wussten die Schienenverleger anno 1897 nicht. Und auch wie lange die Strecke gebaut werden soll war lange Zeit unklar. Letzten Endes entschied man sich für eine Einbahnstrecke von Bad Schandau bis zum Lichtenhainer Wasserfall. Eine Fortführung der Strecke bis an die böhmisch-sächsische Grenze in Hinterdittersbach oder gar als Ringbahn über Hrensko zurück nach Bad Schandau wurde aus Kostengründen begraben. Also verlegte man ersteinmal die Gleise und entschied sich dann ein gutes Jahr später mit welcher Antriebsart die Strecke betrieben werden soll.

Man entschied sich für eine Überlandstraßenbahn mit Stangenstromabnehmern. Die erste Fahrt fand am Pfingstsamstag 1898 statt. Die Fahrtzeit betrug, auch aufgrund einiger Entgleisungen 45 Minuten. Davon ließen sich die 80.000 Fahrgäste im ersten Jahr allerdings nicht beeindrucken. Führte doch jede Bahn seit jeher eine Winde und Holzklötze mit sich.

Fuhrbetrieb gestern und heute

Kirnitzschtalbahn
Kirnitzschtalbahn

Aufgrund zahlreicher Zwischenfälle, Unglücke und Kriegswirren war der Verkehr zeitweise sehr unregelmäßig. Die Planwirtschaft tat ihr übriges. Sogar eine Stilllegung der Strecke Mitte der 80er Jahre stand im Raum, wurde aber aufgrund starker Proteste der Bevölkerung abgewendet. In den 70er Jahren entschied man sich ein sogenanntes Zugstabsystem einzuführen. Bei diesem System darf innerhalb eines bestimmten Streckenabschnitt nur fahren wen entsprechenden Stab für den Teilabschnitt hat. Bei der Kirnitzschtalbahn gibt es drei Teilabschnitte: Stadtpark – Depotweiche, Depotweiche – Schneiderweiche und Schneiderweiche – Lichtenhainer Wasserfall.

Nach umfassenden Restaurierungsmaßnahmen wurde die Strecke 1990 wiedereröffnet. Allerdings wurde die Strecke 2010 durch ein Hochwasser der Kirnitzsch stark zerstört. Auch Schäden an den Triebwagen verursachte das Hochwasser. Fast zwei Jahre konnte die Bahn nicht die komplette Strecke fahren. Seit Ende 2012 fährt sie aber wieder bis zur Endstation Lichtenhainer Wasserfall und passiert auf der Strecke vom Kurpark Bad Schandau insgesamt 12 Haltestellen.

Die Haltestellen der Kirnitzschtalbahn und Highlights an der Strecke

Haltestelle der Kirnitzschtalbahn
Haltestelle der Kirnitzschtalbahn
  1. Kurpark – heutiger Start der Strecke (Bis 1969 gab es zwei weitere Haltestellen in Bad Schandau)
  2. Botanischer Garten – rechterhand am Hang befindet sich der Botanische Garten der Stadt
  3. Depot – Hier werden die Straßenbahnen der Kirnitzschtalbahn geparkt und repariert
  4. Depotweiche – Ende des ersten Teilabschnitts des Zugstabsystems
  5. Waldhäusel – Pension
  6. Ostrauer Mühle -Campingplatz
  7. Mittelndorfer Mühle – Historische Mühle mit Gaststättenbetrieb
  8. Forsthaus – Hotel
  9. Schneiderweiche – Ende des zweiten Teilabschnitts des Zugstabsystems
  10. Nasser Grund – Wanderparkplatz und Ausgangspunkt für Wanderungen
  11. Beuthenfall – kleiner Wasserfall; Wanderparkplatz für das Affensteingebiet
  12. Lichtenhainer Wasserfall – Endstation

Besonderheiten der Kirnitzschtalbahn

Wer die komplette Strecke mit der Kirnitzschtalbahn abfährt, dem dürften einige Besonderheiten auffallen. Die kuriosesten habe ich hier mal zusammengefasst:

1. (Fast) einzigartiger Straßenbahnbetrieb

Die Kirnitzschtalbahn ist eine von drei deutschen Straßenbahnbetrieben, die bis heute ausschließlich zweiachsige Fahrzeuge älterer Bauarten einsetzen. Daneben gibt es noch die Woltersdorfer Straßenbahn in Berlin und die Straßenbahn Naumburg in Sachsen-Anhalt.

2. Einzigartiger Straßenbahnbetrieb

Als einzige Straßenbahn in Deutschland trägt die Kirnitzschtalbahn keine Liniennummer.

3. Augen auf im Straßenverkehr

Die Kirnitzsch mit der Kirnitzschtalbahn
Die Kirnitzsch mit der Kirnitzschtalbahn

Dies gilt inbsesondere für den normalen Straßenbahnverkehr in Richtung Lichtenhainer Wasserfall. Denn die Gleisführung der Straßenbahn verläuft in Seitenlage der Straße auf der rechten Seite – also sozusagen auf der falschen Seite. Man muss also zum einen auf entgegenkommende Straßenbahnen achten, wenn man in Richtung Lichtenhainer Wasserfall fährt und zum anderen auf Gegenverkehr durch auscherende Autos wenn man in Richtung Bad Schandu fährt. Deshalb haben Autos aus Richtung Bad Schandau Vorrang und es gilt eine Höchstgeschwindigkeit von 50km/h.

Die Augen offen halten sollte man im Kirnitzschtal generell. Fallen doch gerne einmal mehrere Tonnen schwere Felsbrocken auf die Straße. Anno 2014 rollte ein 60-70 Tonnen schwerer Felsbrocken von den Hängen hinab auf die Straße. Verletzt wurde aber niemand.

4. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts

Obwohl die Kirnitzschtalbahn in zwei Richtungen fährt, werden nur die Türen auf der bergwärts gesehen rechten Seite benutzt. Die Beiwagen haben nur auf dieser Seite Türen. Dies ist möglich, weil sich alle Haltestellen auf der gleichen Seite befinden. Derartige Betriebsformen gibt es nicht oft zu beobachten.

5. And the Oscar goes to…

Kirnitzschtalbahn. Na gut nicht ganz. Aber immerhin erhielt Kate Winslet 2008 für ihre Rolle in Der Vorleser einen Oscar. Kurzer Nebendarsteller im Film war die Kirnitzschtalbahn am Ortsausgang Bad Schandau.

6. Modernes Recycling

Kirnitzschtalbahn am Depot
Kirnitzschtalbahn am Depot

Die Wagen der Kirnitzschtalbahn wurden von zahlreichen Straßenbahnbetrieben übernommen. So fuhren und fahren noch heute Triebwagen der Plauener Straßenbahn, Zwickauer Straßenbahn, des Jenaer Nahverkehr, der Straßenbahn Erfurt und der stillgelegten Lockwitztalbahn durch das Kirnitzschtal.

7. Sachsens kleinster Straßenbahnbetrieb

Die Kirnitzschtalbahn ist heute mit knapp acht Kilometern Gesamtstreckennetzlänge der kleinste Straßenbahnbetrieb in Sachsen. Deshalb gelten Tickets der DVB, VVO und das Semseterticket nicht oder nur stark eingeschränkt im Kirnitzschtal

Fazit – Abenteuerliche Fahrt in grandioser Landschaft.

Eine Fahrt durch das romantische Kirnitzschtal erfährt durch die Kirnitzschtalbahn eine regelrechte Aufwertung. Wer auf den Bänken der Bahn platznimmt und sein Blicke auf die dahinschlängelnde Kirnitzsch und die schroffen Felsen mit seinen Sandsteinformationen bestaunt und dabei das Rattern der Bahn vernimmt, der fühlt sich doch glatt zurückversetzt in alte Zeiten. Von seinem Charakter als touristische Bahn hat die Kirnitzschtalbahn nichts eingebüßt. Und wann an starkfrequentierten Tagen der Schaffner zum Kassieren kommt, macht die Fahrt fast nochmal mehr Spaß.

Matthias
Als gebürtiger Vogtländer, der in Chemnitz zur Berufsschule ging, in Dresden studiert und lebt, ist mir Sachsen ans Herz gewachsen. Meine Begeisterung über die Sehenswürdigkeiten des Freisaats möchte ich gerne mit anderen teilen. Mehr über mich und den Blog erfahrt ihr auf der Über mich-Seite

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