Ein ganz besonderes Ereignis für mich und noch vielmehr für meinen Opa war die Fahrt in einem Original VOMAG.

Die VOMAG

Die Vogtländische Maschinenfabrik AG war Anfang des 20. Jahrhunderts einer der größten Arbeitgeber der Region und neben der Plauener Spitze maßgeblich daran beteiligt, dass Plauen 1912 eine Großstadt mit über 100.000 Einwohnern geworden ist.

Der Kühlergrill des VOMAG
Der Kühlergrill des VOMAG

Was als Handstickmaschinenproduzent begann, gipfelte in den 20er Jahren in der Produktion von Lastkraftwagen, Omnibussen und Rotationsoffsetdruckmaschinen. Mit den Lastkraftwagen der VOMAG wurden Transportfahrten in weite Teile Sachsens, Böhmens und weit darüber hinaus unternommen. Die VOMAG zählte seinerzeit zu einem der führenden Maschinenbau-Unternehmen Deutschlands.

Mit dem Börsencrash einhergehend verlor auch die VOMAG an Wirtschaftskraft. Der größte Konkurs der Weimarer Republik, eine geschrumpfte Belegschaft von einst 6.000 auf nunmehr 500 Leute und zahlreiche Strafverfahren wegen Bilanzverschleierung und Untreue brachten die VOMAG in den Ruin. Das wiederaufkeimende Konjukturprogramm der Nationalsozialisten im Rahmen der Aufrüstung schaffte wieder 4.000 Arbeitsplätze und zahlreiche neue Fahrzeugmodelle.

Der restaurierte VOMAG
Der restaurierte VOMAG

Im Zweiten Weltkrieg konnte man sich nicht erwehren und produzierte wie auch schon im ersten Weltkrieg für die Rüstungsindustrie. Waren es im Ersten Weltkrieg noch Lastkraftwagen, Granaten, Granatminen und Fliegergeschosse wurden im zweiten Weltkrieg auch Panzerkampfwagen und Halbkettenfahrzeuge produziert. Der selbst entwickelte Jagdpanzer IV wurde 1700 Mal produziert und war der einzige Jagdpanzer der Armee.

Mit dem zweiten Weltkrieg fand die Produktion der LKW ein jähes Ende, wurden die Produktionsstätten und die gesamte Stadt in Schutt und Asche gelegt. 2800 Tonnen Sprengstoff wurden allein auf die Produktionsstätten der VOMAG abgeworfen. An eine Fortführung des Betriebs war nicht mehr zu denken. Kurze Zeit produzierte man noch Handwagen und Schubkarren. Schließlich ging der Betrieb in der VEB Werkzeugmaschinenfabrik Vogtland auf, die fortan Sondermaschinen baute. Die VOMAG als solche geriet immer mehr in Vergessenheit. Die Omnibusse und Lastkraftwagen der VOMAG wurden immer weniger genutzt. Es existierten früher noch viele Exemplare der kolosallen Kraftwagen. In der Nachwendezeit maximal 2 Dutzend.

Der VOMAG heute

Der restaurierte VOMAG
Der restaurierte VOMAG

Zwei davon gehörten meinem Opa, der den Fuhrbetrieb seines Vaters fortführte. Als selbstständiger Kraftfahrer organisierte er Lastkraftfahrten bis weit in die 1980er Jahre. Nicht zu trennen war er von seinen VOMAGs, auch wenn diese irgendwann nicht mehr lauffähig waren und nur noch in der Garage und dem Garten rumstanden.

Einem großen Enthusiasten, Christian Suhr, ist es zu verdanken, dass der Erfindergeist und die Faszination VOMAG greifbar und lesbar (in Büchern seines Verlag Kraftakts) auch heute noch lebt. Er und einige weitere Privatpersonen und Vereine lassen den Mythos VOMAG heute wieder aufleben. Allein 20 Jahre benötige Christian Suhr, um den in die Jahre gekommenen VOMAG in seinen heutigen Zustand zu restaurieren. Den unzähligen Stunden Arbeit und auch jede Menge finanziellem Einsatz ist es zu verdanken, dass einer der beiden VOMAGs restauriert und fahrtauglich durchs Vogtland brummt. So kam mein Opa nach 30 Jahren Fahrabstinenz zur Gelegenheit mal wieder in einem solchen VOMAG mitzufahren. Als Geschenk zu seinem 80. Geburtstag habe ich ihm eine Fahrt in seinem alten, neuen VOMAG geschenkt.

Eine Reise in die Vergangenheit

An dieses Erlebnis erinnere ich mich noch wie heute.

Eine Fahrt mit dem VOMAG durchs Vogtland
Eine Fahrt mit dem VOMAG durchs Vogtland

Als gewöhnlich etwas mürrischen Einsiedler habe ich ihn so wie an diesem Tag schon lange nicht erlebt. Aufgeregt wie ein kleines Kind, dass sich auf Ostern und Weihnachten freut, steht er an diesem Samstag Morgen im Hausflur. Kaum erwarten konnte er es, als ich ihn im August 2013 nach Reichenbach fuhr, um mit ihm und Herrn Suhr gemeinsam das Erlebnis LKW-Fahrt anzugehen. Die Events von Jochen Schweitzer können einpacken. Ein Erlebnisgeschenk, das seinesgleichen sucht.

Schon das Ausparken und Rangieren auf dem in meinen Augen viel zu kleinen Hof, für ein viel zu großes Auto war ein Ereignis für sich. Und dann die Fahrt erst. Eine Geräuschkulisse sondersgleichen. Das tiefe Brummen und Rattern der Motoren, die harten Federn, die Vollgummireifen, all jenes sorgt gewissermaßen für ein einzigartiges Fahrverhalten.

Der restaurierte VOMAG
Der restaurierte VOMAG

Mit Höchstgeschwindigkeiten von 30km/h ging es damals wie heute durch kleine vogtländische Dörfer und entlang blühender Wiesen und Felder. Der Weg ist das Ziel. Die Fahrt ist so anders als alle bisher erlebten. In den Vorgärten blicken erstaunte Kleingärtner zu uns auf. Unsere Vorbeifahrt kündigt sich durch nicht zu überhörende Motorengeräusche schon lange vorher an.

Ich kann mein Grinsen nur schwer zurückhalten und auch mein Opa genießt die Fahrt. Auch wenn er findet, dass die Geräusche anders klingen als früher, gefällt ihm die Fahrt sichtlich. Mal wieder in seinem VOMAG sitzen, wenn auch nur als Beifahrer sorgt dafür, dass ich meinen Opa so richtig glücklich sehe. Mit allerhand Fachwissen erklärt er mir jedes Gerät im Führerhaus, berichtet enthusiastisch von seinen Transportfahrten nach Zwickau und ins Gebirge (Ergebirge), die damals schwer bepackt eine halbe Tagesreise waren und schwelgt in Erinnerungen von seinen Fahrten und Pannen.

VOMAG Lastkraftwagen
Eine der Parade der noch heute existenten VOMAG Lastkraftwagen

Ein richtig breites Grinsen gleitet über sein Gesicht, als er sich auf einem Reichenbacher Parkplatz gegen Ende unserer 90minütigen Rundfahrt selbst mal ans Steuer setzen darf. Das ist seine Welt. Ich merke mit wieviel Leidenschaft und Enthusiasmus er seine Transportfahrten angegangen sein muss. Immer mit ein wenig mehr Ersatzteilen als vielleicht notwendig, erklomm er die steilsten Straßen. Besonders beim Zwickauer Autobahnberg höre ich ihn immer stönen. Die Steigung zwischen Zwickau Ost und Zwickau West hat er früher mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 10km/h bewältigt. Wenn überhaupt.

Nach der Tour ist mein Opa geradezu überschwänglich und berichtet mir ununterbrochen von weiteren Fahrten. Zu Hause angekommen wird erstmal tief in alten, hölzernen Kisten gewühlt. Sepiafarbene Fotos vom Bau der Pirker Autobahnbrücke werden ausgegraben. Bei deren Bau war er als Kind dabei. In diesen Erinnerungen wurde immer wieder gerne geschwelgt. Die Technik von früher gelobt und die von heute das ein oder andere Mal in Frage gestellt. Dieser Ausflug war das letzte Mal, dass ich meinen Opa so richtig glücklich sah.

VOMAG Lastkraftwagen
VOMAG Lastkraftwagen

Das Arbeiten in Hof und Garten war seine große Freizeitbeschäftigung seit Jahren. Auch wenn ich die Fortschritte der Gartenarbeit nicht immer erkannt habe, wie viele andere auch, hielt er an seinem Garten fest. Hier konnte er seine Zeit vertun und von früh bis abends an der frischen Luft werkeln oder je nach Motivation auch nur „dahlen“ und Zeit vertrödeln. Doch auch dies fiel ihm immer schwerer. Gezeichnet von verschiedenen Krankheiten und einsetzender Demenz wurde Opa immer antriebsloser und kam schließlich in ein Pflegeheim. Fortan habe ich ihn nur noch alle 4-6 Wochen gesehen. Die Treffen beschränkten sich auf die immer gleichen Gespräche und seinen Wunsch wieder nach Hause zu wollen. Wieder zurück in seinen Garten mit seinem zu hackenden Holz, seinem einzufahrenden Heu und seinen alten Apfelbäumen. Er wusste genau, dass was nicht mit ihm stimmt. Der Kopf spielte ihm immer stärkere Streiche.

Mein Opa in seinem VOMAG
Mein Opa in seinem VOMAG

Gestern wollte ich ihn nochmal besuchen, um ihm Lebewohl zu sagen. Seine Kräfte versiegten rasant, sein Lebensmut und Antrieb schwand von Tag zu Tag. Leider war es mir nicht mehr gegönnt. In der Nacht ist er friedlich eingeschlafen.

Mach‘s gut, mein Opa!

Matthias
Als gebürtiger Vogtländer, der in Chemnitz zur Berufsschule ging, in Dresden studiert und lebt, ist mir Sachsen ans Herz gewachsen. Meine Begeisterung über die Sehenswürdigkeiten des Freisaats möchte ich gerne mit anderen teilen. Mehr über mich und den Blog erfahrt ihr auf der Über mich-Seite

2 Kommentare

  1. Hallo Matthias! Ich finde den Beitrag über deinen Opa sehr schön. Wir haben ihn bei euren Familienfeiern oft erlebt, wie er mit strahlenden Augen von früher erzählte, speziell vom „verkehrten Ball“ im Gasthof Reißig. Wir werden ihn so in Erinnerung behalten.

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